Svea war in der Jugend so schön gewesen, und er hatte es kaum abwarten können, mit ihr ins eheliche Bett zu steigen. Sanft, freundlich und ein wenig schüchtern war sie ihm erschienen. Ihre wahre Natur hatte sich schon nach allzu kurzer Zeit voll jugendlicher Lust gezeigt. Seit nunmehr fast fünfzig Jahren hielt sie ihn eisern unterm Pantoffel. Aber Eilert hatte ein Geheimnis. Zum erstenmal sah er eine Möglichkeit, im Alter ein bißchen Freiheit zu genießen, und diese Möglichkeit wollte er sich keinesfalls entgehen lassen.
Sein Leben lang hatte er sich mit der Fischerei abgeplagt, und die Einnahmen hatten gerade ausgereicht, um Svea und die Kinder zu versorgen. Seit er in Pension gegangen war, lebten sie ausschließlich von ihren mageren Renten. Ohne irgendwelches Geld in der Tasche bestand keine Chance, anderswo neu anzufangen, und zwar ohne sie. Diese Gelegenheit hier war ihm wie ein Geschenk des Himmels erschienen. Hinzu kam, daß das Ganze auch noch lächerlich einfach war. Aber wenn jemand unverschämt hohe Summen für ein, zwei Stunden Arbeit pro Woche bezahlen wollte, dann war das nicht sein Problem. Er hatte nicht die Absicht, sich zu beschweren. Die Geldscheine in der Holzkiste hinterm Kompost waren in nur einem Jahr zu einem ansehnlichen Häufchen angewachsen, und bald besaß er genug, um sich in wärmere Gefilde abzusetzen.
Eilert blieb stehen, um auf dem letzten steilen Stück der Steigung Luft zu holen, er massier-te seine schmerzenden Gichthände. Spanien oder vielleicht Griechenland könnten die Kälte auftauen, die irgendwie von innen kam. Er rechnete damit, daß ihm wenigstens noch zehn Jahre blieben, bevor er ins Gras beißen mußte, und die Zeit wollte er, so gut es ging, nutzen. Nicht im Traum dachte er daran, sie mit der Alten hier zu Hause abzusitzen.
Der tägliche Spaziergang am frühen Morgen waren die einzigen Minuten, die er in Ruhe und Frieden verbrachte, und außerdem bescherte er ihm die dringend notwendige Bewegung. Eilert schlug immer denselben Weg ein, und diejenigen, die seine Gewohnheiten kannten, schauten häufig aus der Tür und ließen sich auf einen Schwatz ein. Besonderes Vergnügen hatte er an dem Gespräch mit dem hübschen Mädel, das im Haus ganz oben auf dem Hang gleich bei der Håkebackenschule wohnte. Sie war nur an den Wochenenden hier, kam immer allein, aber nahm sich gern die Zeit, über Wind und Wetter zu plauschen. Dieses Fräulein Alexandra interessierte sich auch für das Fjällbacka früherer Zeiten, ein Thema, das Eilert nur zu gern erörterte. Schön anzusehen war das Mädel obendrein. Das war etwas, worauf er sich noch immer verstand, obwohl er alt war. Sicher hatte es eine ganze Menge Tratsch über die Kleine gegeben, aber wenn man erst anfing, auf Weibergewäsch zu hören, blieb einem bald keine Zeit mehr für andere Dinge.
Vor ungefähr einem Jahr hatte sie ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, da er ja morgens ohnehin hier vorbeiging, jeden Freitag nach dem Rechten zu sehen. Das Haus war alt, und es sei kein Verlaß auf Heizkessel und Wasserleitungen. Sie wollte an den Wochenenden ungern ein kaltes Haus vorfinden. Er würde einen Schlüssel bekommen, damit er hier vorbeischauen und kontrollieren konnte, ob alles in Ordnung war. In der Gegend hatte es einige Einbrüche gegeben, also sollte er auch nachsehen, ob es vielleicht Beschädigungen an Fenstern und Türen gab.
Die Aufgabe war keine große Belastung, und einmal im Monat lag ein Kuvert mit seinem Namen in ihrem Briefkasten, und darin befand sich eine in seinen Augen fürstliche Summe. Außerdem gefiel es ihm, sich ein wenig nützlich zu machen. Es ist schwer, untätig zu sein, wenn man sein Leben lang gearbeitet hat.
Das Zauntor hing schief und protestierte, als er es zum Gartenweg hin aufdrückte. Der war nicht vom Schnee freigeschippt, und er überlegte, ob er einen der Jungen bitten sollte, ihr dabei zu helfen. So was war keine Frauensache.
Er suchte nach dem Schlüssel, aber paßte auf, daß der ihm nicht in den Schnee fiel. Wäre er gezwungen, sich hinzuknien, würde er nie wieder hochkommen. Die Vortreppe war vereist und glatt, und er mußte sich am Geländer festhalten. Eilert wollte gerade den Schlüssel ins Schloß stecken, als er bemerkte, daß die Tür nur angelehnt war. Verblüfft öffnete er sie ganz und trat in die Diele.
»Hallo, ist jemand zu Hause?«
Vielleicht war sie heute etwas früher gekommen? Niemand antwortete. Er sah seinen eigenen Atem aufsteigen und wurde sich plötzlich bewußt, daß im Haus Kälte herrschte. Mit einemmal wurde er unschlüssig. Hier stimmte etwas absolut nicht, und er hatte den Verdacht, daß es sich nicht nur um einen kaputten Heizkessel handelte.
Eilert durchquerte die Zimmer. Alles schien unberührt. Das Haus war genauso sauber und ordentlich wie sonst. Videorecorder und Fernseher standen auf ihren Plätzen. Nachdem er das gesamte Erdgeschoß kontrolliert hatte, nahm er die Stufen ins obere Stockwerk hinauf. Die Treppe war steil, und er mußte sich am Geländer festklammern. Oben angekommen, ging er zuerst ins Schlafzimmer. Das wirkte sehr weiblich, war aber erlesen eingerichtet und genauso ordentlich wie der Rest des Hauses. Das Bett war gemacht, und am Fußende stand ein Koffer. Nichts schien ausgepackt worden zu sein. Er kam sich auf einmal ein bißchen idiotisch vor. Vielleicht war sie eher als sonst gekommen, hatte festgestellt, daß der Kessel nicht funktionierte, und war losgegangen, um jemanden zu finden, der ihn reparierte. Dennoch glaubte er selbst nicht an diese Erklärung. Irgend etwas stimmte einfach nicht. Er spürte es auf die gleiche Weise in den Knochen wie manchmal bei einem aufziehenden Sturm. Vorsichtig setzte er seinen Weg durch das Haus fort. Das nächste Zimmer war ein großer Loft mit Holzbalken und Dachschräge. Zwei Sofas standen sich vor dem Kamin gegenüber. Ein paar Zeitungen lagen auf dem Couchtisch verstreut, sonst aber befand sich alles an seinem Platz. Er ging wieder nach unten. Jetzt war nur noch das Bad übrig, doch etwas ließ ihn zögern. Noch immer war alles ruhig und still. Einen Augenblick lang stand er unschlüssig da, fand sich dann ein bißchen lächerlich und schob die Tür resolut auf.
Sekunden später rannte er, so schnell es sein Alter zuließ, auf die Haustür zu. Im letzten Moment fiel ihm ein, daß die Vortreppe glatt war, und er konnte gerade noch das Geländer pac ken, um nicht kopfüber die Stufen hinunterzustürzen. Dann stapfte er durch den Schnee auf dem Gartenweg und fluchte, als sich das Gartentor sperrte. Auf dem Bürgersteig blieb er zögernd stehen. Ein Stück die Straße hinunter entdeckte er eine Gestalt, die mit raschem Schritt näher kam, und kurz darauf erkannte er Tores Tochter Erica. Er rief ihr zu, sie möge stehenbleiben.
Sie war müde. Todmüde. Erica Falck schaltete den Computer aus und ging in die Küche, um sich Kaffee nachzugießen. Sie fühlte sich von allen Seiten unter Druck gesetzt. Der Verlag wollte die erste Version des Buches im August haben, und bisher hatte sie kaum damit begonnen. Das Buch über Selma Lagerlöf, ihre fünfte Biographie einer schwedischen Autorin, sollte ihr bestes werden, aber sie hatte alle Lust am Schreiben verloren. Mehr als einen Monat war es her, daß ihre Eltern gestorben waren, doch die Trauer war noch immer genauso frisch wie an jenem Tag, als sie die Nachricht erhalten hatte. Das Aufräumen des Elternhauses ging ihr auch nicht so schnell von der Hand, wie sie gehofft hatte. Alles weckte Erinnerungen. Jede Kiste, die sie packte, dauerte Stunden, weil alles eine Flut von Bildern auslöste, die manchmal ganz nah und dann wieder ungeheuer weit weg zu sein schienen. Aber das Packen mußte so viel Zeit beanspruchen, wie nötig war. Ihre Wohnung in Stockholm war bis auf weiteres ver-mietet, und sie ging davon aus, daß sie ebensogut hier in ihrem Elternhaus in Fjällbacka schreiben konnte. Es lag ein wenig abseits, in Sälvik, und die Umgebung war ruhig und friedlich.
Erica setzte sich auf die Veranda und blickte auf die Schären hinaus. Die Aussicht ver-schlug ihr immer wieder den Atem. Jede Jahreszeit zeigte eine neue spektakuläre Szenerie, und der heutige Tag hatte mit strahlender Sonne begonnen, die glitzernde Lichtkaskaden aufs Eis warf, das eine dicke Schicht auf dem Meer bildete. Ihr Vater hätte einen solchen Tag geliebt.
Die Kehle schnürte sich ihr zusammen, und die Luft im Haus erschien ihr mit einemmal stickig. Sie entschloß sich, einen Spaziergang zu machen. Das Thermometer zeigte fünfzehn Grad minus, und so zog sie mehrere Kleidungsstücke übereinander. Dennoch war ihr kalt, als sie aus der Tür trat, aber sie brauchte nicht lange zu gehen, bis das schnelle Tempo für Wärme sorgte.
Draußen war es befreiend still. Niemand war zu sehen. Das einzige Geräusch, was sie hörte, waren ihre eigenen Atemzüge. Der Kontrast zu den Sommermonaten, wenn hier das Leben pulsierte, war gewaltig. Erica zog es vor, sich im Sommer von Fjällbacka fernzuhalten. Obwohl sie wußte, daß der Ort nur durch den Tourismus überleben konnte, wurde sie das Gefühl nicht los, daß Sommer für Sommer ein riesiger Heuschreckenschwarm über Fjällbacka herfiel. Ein vielköpfiges Monster, das langsam das alte Fischerdorf verschlang, da die wassernahen Häuser von Sommergästen aufgekauft wurden und die Ortschaft dadurch neun Monate im Jahr zum Geisterort verkam.
Jahrhundertelang hatte Fjällbacka sein Brot mit der Fischerei verdient. Die karge Landschaft und der ständige Kampf ums Überleben, bei dem alles davon abhing, ob der Hering kam oder ob er ausblieb, hatte ein rauhes, starkes Völkchen erschaffen. Doch seitdem Fjällbacka als malerisch galt und Touristen mit dicken Brieftaschen anzog, während zugleich die Fischerei ihre Bedeutung als Einnahmequelle verlor, meinte Erica zu bemerken, daß sich die Nacken der Ansässigen Jahr für Jahr tiefer beugten. Die Jungen zogen weg, und die Älteren träumten von vergangenen Zeiten. Sie war selber eine von vielen, die es vorgezogen hatten, diese Gegend zu verlassen.
Jetzt erhöhte sie das Tempo noch mehr und bog nach links zur Steigung ab, die zur Håkebackenschule führte. Als sich Erica dem Kamm näherte, hörte sie Eilert Berg etwas schreien, doch verstand sie nicht, was er wollte. Er fuchtelte mit den Armen und lief ihr entgegen.
»Sie ist tot.«
Eilert atmete in kurzen raschen Stößen, und ein häßlicher pfeifender Laut entwich seiner Brust.
»Beruhige dich, Eilert, was ist passiert?«
»Sie liegt tot dort drinnen.«
Er wies auf das große hellblaue Holzhaus ganz oben auf dem Kamm und schaute sie auffordernd an.
Es dauerte ein Weilchen, bis Erica seine Worte registriert hatte, doch erst als sie die störrische Gartentür aufschob und durch den Schnee auf den Eingang zustapfte, drangen sie ihr ins Bewußtsein. Eilert hatte die Tür offengelassen, und sie trat vorsichtig über die Schwelle, unsicher, was sie dort wohl erwarten würde. Aus irgendeinem Grund war ihr nicht eingefallen, genauer danach zu fragen.
Eilert folgte ihr abwartend und zeigte stumm auf das Badezimmer im Erdgeschoß. Erica wollte nichts überstürzen, sie drehte sich um und blickte Eilert fragend an. Er war fahl im Gesicht, und seine Stimme klang ganz dünn, als er sagte: »Dort drinnen.«
Es war lange her, daß Erica dieses Haus betreten hatte, aber früher kannte sie sich hier gut aus, und deshalb wußte sie, wo das Bad lag. Trotz ihrer warmen Kleider schauderte es sie in der kalten Luft. Die Tür zum Badezimmer schwang langsam nach innen auf, und sie ging hinein.
Sie wußte nicht genau, was sie nach Eilerts knappen Angaben erwartet hatte, doch nichts hatte sie auf das hier vorbereitet. Das Badezimmer war völlig weiß gefliest, was die Wirkung all des Blutes in und um die Badewanne noch verstärkte. Eine Sekunde lang fand sie den Kontrast sogar schön, doch dann begriff sie, daß tatsächlich ein Mensch in der Wanne lag.
Trotz der unnatürlich weißen und blauen Farbschattierungen des Körpers erkannte Erica die Frau sofort wieder. Es war Alexandra Wijkner, geborene Carlgren, Tochter jener Familie, der dieses Haus gehörte. Als Kinder waren die beiden Mädchen eng befreundet gewesen, doch das schien eine Ewigkeit her zu sein. Jetzt war die Frau in der Wanne für Erica fast eine Fremde.
Barmherzigerweise waren die Augen der Leiche geschlossen, aber die Lippen leuchteten in einem scharfen Blau. Eine dünne Eiskruste umschloß den Rumpf und verbarg den Unterleib. Der rechte, von roten Rinnsalen gezeichnete Arm hing schlaff auf den Boden hinunter, und die Finger waren in die geronnene Blutlache getaucht. Eine Rasierklinge lag auf dem Wannenrand. Der andere Arm war nur bis kurz über dem Ellenbogen zu sehen, der Rest lag unter dem Eis verborgen. Auch die Knie ragten aus der gefrorenen Oberfläche auf. Alex’ helles Haar lag wie ein Fächer über das Kopfende der Badewanne gebreitet, doch wirkte es in der frostigen Luft spröde und starr.
Erica stand lange da und sah sie an. Sie fror vor Kälte und vor Einsamkeit. Langsam zog sie sich aus dem Zimmer zurück.
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