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Leseprobe » Maria Hellebergs - Die Winterkönigin


Maria Helleberg
Die Winterkönigin

Historischer Roman
Aus dem Schwedischen von: Kerstin Schöps
Broschur, 443 Seiten

Erschienen bei: Aufbau Taschenbuch Verlag
978-3-7466-1818-0

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Margarete erwachte von dem Läuten der Glocken. Die Stadt Kopenhagen und ihre Bewohner feierten noch immer ihren unerwarteten Sieg über Albrecht von Mecklenburg. Es war alles so schnell gegangen, daß sie kaum gewagt hatte, der Nachricht zu glauben.

  Die Winterkönigin

Heute würde sie zum ersten Mal jenen Albrecht treffen, den sie seit ihrer Kindheit gefürchtet hatte. Endlich würde aus der Angstgestalt ein wirklicher Mensch werden. Nun würde er seine Macht verlieren, wie in der Geschichte vom Schwanenritter, dem sein Schwert im Kampf aus der Hand fiel, weil sein Gegner ihn bei seinem Namen nennen konnte. Sie stand auf, wusch sich das Gesicht und rief Frau Gisela und ihre Zofen herein, damit sie ihr beim Ankleiden der kostbaren und aufwendigen Tracht halfen, in der sie Albrecht beeindrucken und den Sieg feiern wollte. Die Glocken hörten nicht auf zu läuten, denn eine Kirche folgte dem Aufruf der nächsten und ließ ihre Glocken ertönen. Frau Gisela öffnete die zwei kleinen Fenster, so daß der Wind und die Sonne das Zimmer durchströmten und hell erleuchteten. Sie hatte sorgfältig geplant, wie sie auftreten würde: Die Stadt Kopenhagen sollte sie als die milde Mutter und die schwache Frau sehen, die nur mit Gottes Hilfe den Sieg über einen fremden Herrscher errungen hatte. Albrecht hatte abgelehnt, das Erbrecht ihres Sohnes anzuerkennen, und ein Heer gegen sie aufgestellt, doch er war gescheitert. Und nun mußte er zu ihr nach Kopenhagen gekrochen kommen und um Versöhnung bitten.



Es klopfte an der Tür, und Bischof Niels Jakobsen trat herein. Der Wind zog die Tür hinter ihm zu und zerrte an ihrem dünnen seidenen Unterkleid. So wie der Bischof ihr seine Stadt geliehen hatte, so hatte ihr Frau Gisela ihr Brautkleid geliehen, goldene Seide in unzähligen Schichten. Die Seide klebte an ihrem Körper, umschmiegte ihre Beine, Hüften und Brüste, dem Bischof verschlug es die Sprache, und er starrte sie unverhohlen an. Erst als sie ihn begrüßte, besann er sich, wedelte hilflos mit den Armen und lachte unsicher. Seit Hikons Wanderungen durch Kaiundborg war schon über ein Jahr vergangen, und sie hatte sich längst daran gewöhnt, an seiner Stelle Regentin zu sein. Nur ihre Umwelt behandelte sie mitunter noch so, als sei sie eine Traumgestalt, eine vergängliche Erscheinung.

»Dem armen Albrecht werden vor lauter Staunen die Augen aus dem Kopf fallen«, sagte der Bischof, und Margarete wandte sich um zu den drei Frauen, die ihr mit dem Kleidgeholfen hatten. Frau Gisela knickste nicht einmal, sie stand ganz still und war tief in ihre Arbeit versunken. Ihr Blick glitt über das Kleid und suchte nach Fehlern, die sie noch ausbessern mußte. Sie mußten Albrecht auf offener Straße treffen, denn der Bischof hatte gerade begonnen, Vordingborg wiedererrichten zu lassen, nachdem die Hanse es geschleift hatte. Die Tatsache, daß die Begegnung mit Albrecht in der Stadt erfolgte, unterstrich, daß sie im Frieden mit der Kirche war und ein Freundschaftsverhältnis zum einflußreichsten Bischof des Landes pflegte.


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Wenn sie den Bischof richtig einschätzte, dann hatte er vor, seine Gäste mit leiblichen Genüssen zu überschütten. So wie sie beabsichtigte, Albrecht in weiblicher Sanftmut ertrinken zu lassen.

Sie machte sich nur über Häkons Verhalten Sorgen. Als sie ihm gegenüber von einem möglichen Treffen mit Albrecht gesprochen hatte, war er wutentbrannt aus dem Zimmer gestürmt, und sie hatte bitten und betteln müssen, bis er endlich einwilligte. In den letzten Tagen hatte er zwar kaum ein Wort mit ihr gewechselt, aber die Aussicht, als König von Norwegen auf dem Marktplatz der Stadt auftreten zu dürfen, schien ihn milde gestimmt zu haben. Frau Gisela brachte ihr das steife Überkleid und schnürte es fest um ihren Leib. Der Bischof von Roskilde nahm ihre Hand und geleitete sie hinaus.

Das Wetter war so besonders wie der Tag selbst. Die Sonne schien auf ihr goldenes Kleid und wärmte die Haut. Einerseits fühlte sie sich genauso eingesperrt wie damals als kleines Kind, denn das steife Kleid diktierte jede ihrer Bewegungen. Andererseits erleichterte eben das einiges, denn sie war schließlich nicht in eigener Sache dort, sondern als Stellver-treterin des Königs. Zwei Ausgaben des Albrecht von Mecklenburg kamen ihr in der Tyskmannegade entgegen, Vater und Sohn. Zwei spindeldürre bärtige Männer, die sie nicht sofort voneinander unterscheiden konnte.
Der Bischof ließ ihre Hand los, und sie blieb abwartend stehen, die Hände gefaltet. Auch die Mecklenburger waren stehengeblieben — sie standen sich wie 2wei Heere gegenüber, Auge in Auge.

Laut Abkommen sollte sie jetzt von den Mecklenburgern den Treueschwur verlangen, den ihr Vasallen erwiesen. Sie mußten Olufs Erbrecht auf Dänemark anerkennen, vor ihm niederknien und den Eid schwören, den die Unterhändler zusammen mit Podebusk Wort für Wort verfaßt hatten. Danach sollten sie ihre Hand küssen, und erst dann würde Margarete die beiden willkommen heißen.
Sie hatte alles sorgsam vorbereitet, und es war keine Abweichungvorgesehen. Doch nun standen sie hier in der Tyskmannegade, und sie hielten sich nicht an die Absprache

Frau Gisela hatte ihr das gestärkte Kopftuch so gewickelt, daß es sich wie ein weicher Bausch um ihre Wangen und ihren Hals schmiegte. Der Wind spielte damit und wehte ihr einen Zipfel des Kopftuches über den Mund, als würde er verhindern wollen, daß sie etwas Falsches sage. Der junge Albrecht, der sich König von Schweden nannte, löste sich von der Seite seines Vaters und kam zögernd zu ihr, kniete elegant nieder und nahm ihre Hand. Das war ebenfalls nicht Teil der Absprache, er sollte Oluf ewigen Gehorsam schwören und nicht ihr, sie war nur Olufs Vormund, seine Stellvertreterin. Doch Oluf stand neben seinem Vater, den Albrecht nicht als König anerkennen wollte. Denn damit würde er gleichzeitig Hakons Erbrecht auf Schweden anerkennen.
War das wirklich alles, was es zu verstehen gab? Sie hatte die Mecklenburger und ihre Verschlagenheit so sehr gefürchtet. Und nun war ihr Verhalten so durchschaubar wie das eines kleinen Kindes.

ISBN 3-7466-1818-5
I.Auflage 2002
© Maria Helleberg + Aschehoug, Denmark' © Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, Berlir
(für die deutsche Ausgabe) Published by agreement with Agentur Literatur Gudrun Hebel, Berlin.
Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik Design
unter Verwendung des Gemäldes »Pareja de majos«, 1770, von
Lorenzo Tiepolo, Madrid, Palacio Real, Foto: akg-images
SatzLVD GmbH, Berlin
Druck Eisnerdruck GmbH, Berlin
Printed in Germany

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